veröffentlicht am 05.05.2022

Greenpeace-Test

Antibiotikarestistente Keime auf mehr als jedem dritten Stück Fleisch gefunden

Greenpeace hat 24 gängige Fleischwaren – vom Faschierten über Putenfleisch bis zum Schweinsschnitzel – aus österreichischen Supermärkten auf multiresistente Keime im Labor überprüfen lassen. Das erschreckende Ergebnis: Neun von ihnen waren mit multiresistenten Keimen belastet.

Greenpeace hat 24 gängige Fleischwaren aus österreichischen Supermärkten auf multiresistente Keime im Labor überprüfen lassen. © Mitja Kobal / Greenpeace

Antibiotikarestistente Keime landen auf unseren Tellern

Greenpeace hat 24 abgepackte Fleischwaren aus heimischen Supermärkten vom Lebensmittellabor der AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) auf multiresistente Keime testen lassen.

Die besorgniserregenden Ergebnisse:

  • In 9 der 24 Fleischwaren, also über einem Drittel, konnten multiresistente Erreger nachgewiesen werden.
  • Bei Schweinefleisch waren 4 von 14 Produkten belastet
  • Bei Hühnerfleisch war eine Probe von 6 positiv
  • Bei Putenfleischen fanden sich auf allen 4 Fleischwaren multiresistente Erreger

Der Test zeigt auch, dass das AMA-Gütesiegel kein Garant gegen multiresistente Keime im Fleisch ist: von 16 AMA-Gütesiegel-zertifizierten Produkten waren sechs positiv - ebenfalls mehr als ein Drittel!

Antibiotika sind ein Teil des Systems Massentierhaltung

Der Einsatz von Antibiotika zur Bekämpfung von Krankheiten bei Schweinen, Geflügel und Rindern ist in der industriellen Landwirtschaft nicht die Ausnahme, sondern Teil des Systems. Über 43 Tonnen Antibiotika wurden allein 2020 eingesetzt, rund zwei Drittel (73,4 Prozent) davon landeten in den Trögen der Schweine.

Das liegt überwiegend an schlechter Haltung, welche die Tiere krank macht. Erst dadurch wird der hohe Antibiotika-Einsatz überhaupt notwendig. Die Gründe dafür sind vielfältig: Durch unzureichendes Platzangebot können sich Infektionen schnell von Tier zu Tier ausbreiten. Andererseits verursacht die Enge bei den Tieren Stress, der sich unter anderem darin äußern kann, dass sich Tiere gegenseitig verletzen. Unnatürliche Böden wie z.B. Spaltenböden führen etwa zu Entzündungen und Verletzungen an den Fußgelenken der Schweine – zu frühes Wegreißen der Jungtiere von der Mutter führt häufig zu Krankheiten, weil das Immunsystem der Jungtiere noch nicht genug ausgeprägt ist und eine zu frühe Umstellung auf festes Futter erfolgt.

Die schlechten Haltungsbedingungen machen die Tiere krank. Deswegen werden in großen Mengen Antibiotika eingesetzt. © Greenpeace

Der viel zu hohe Einsatz von Antibiotika bei Tieren ist also auf die alltäglichen Zustände in der industriellen Massentierhaltung zurückzuführen. Ein weiterer Grund für den sehr hohen Einsatz von Antibiotika ist die Herdenbehandlung (Metaphylaxe). Dabei werden der gesamten Herde über Futter oder Wasser Antibiotika verabreicht, selbst wenn nur einige wenige Tiere krank sind. Somit erhalten auch alle gesunden Tiere im Stall eine Dosis Antibiotika. Dadurch kommt ein Schwein in konventionellen Betrieben trotz seines nur sechsmonatigen Lebens häufig auf mehrere Antibiotika-Kuren.

Warum sind antibiotikarestistente Keime gefährlich?

Antibiotika gelten als eine der bedeutendsten Entwicklungen der Medizingeschichte und die Entdeckung von Penicillin hat eine medizinische Revolution ausgelöst: plötzlich gab es für all die bakteriellen und oftmals tödlichen Infekte ein wirksames Mittel. Doch dem Antibiotika-Zeitalter droht laut der Weltgesundheitsorganisation ein jähes Ende: Seit Jahren warnt die WHO vor den dramatischen Konsequenzen für den Menschen, die aufgrund von immer mehr antibiotikaresistenten Keimen drohen. Antibiotika-Resistenzen gehörten zu den häufigsten Todesursachen weltweit.

Je mehr Antibiotika wir unbedarft einsetzen, desto mehr resistente Keime werden sich herausbilden und unseren wirksamsten Schutz gegen bakterielle Infekte - die Antibiotika - aushebeln. Immer mehr Bakterien werden so unempfindlich gegen immer mehr Antibiotika, immer neue Resistenzmechanismen entwickeln sich. Die Entstehung und Ausbreitung resistenter Keime hängt maßgeblich von der Häufigkeit und dem Umfang des Einsatzes der Mittel ab. Der massive Einsatz von Antibiotika gefährdet die Wirksamkeit dieser Medikamente. Verschärfend kommt hinzu, dass die Entdeckung oder Entwicklung neuer Wirkstoffe mit antimikrobieller Wirkung bei weitem nicht mit der Resistenzentwicklung Schritt halten kann.

© Mitja Kobal / Greenpeace

Wie können Antibiotika in der Tierhaltung reduziert werden?

Im Gegensatz zur industriellen Massentierhaltung ist der Einsatz von Antibiotika in der biologischen Tierhaltung – und auch bei einzelnen Vorzeigeprojekten im konventionellen Bereich – deutlich geringer: In der biologischen Landwirtschaft darf ein Schwein, das in der Regel ebenfalls ein halbes Jahr oder etwas länger lebt, maximal einmal Antibiotika erhalten. Sonst darf das Fleisch nicht mehr als Bio-Fleisch verkauft werden. Das stellt auch einen starken Anreiz dar, nur das tatsächlich erkrankte Einzeltier zu behandeln und nicht die gesamte Herde. Prävention steht damit an erster Stelle. Viele Bio-Betriebe berichten, dass sie praktisch keine Antibiotika benötigen. Diese Betriebe zeigen, dass der routinemäßige Einsatz von großen Mengen Antibiotika nicht notwendig ist, wenn die Bedürfnisse der Tiere berücksichtigt werden. Eine Verbesserung in der Tierhaltung führt zu einem geringeren Einsatz von Antibiotika. Hier muss in der industriellen Landwirtschaft angesetzt werden.

Was kann man gegen den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung machen?

Nur wenn der Einsatz von Antibiotika sowohl in der Veterinär- als auch der Humanmedizin drastisch reduziert wird, kann die Antibiotika-Krise aufgehalten werden. Die Politik, allen voran Gesundheitsminister Rauch und Landwirtschaftsministerin Köstinger, müssen endlich für bessere Haltungsbedingungen und strengere gesetzliche Regelungen sorgen.

Bis dahin können Sie aber auch folgende Schritte unternehmen, um dafür zu sorgen, dass kein Fleisch mit antibiotikaresistenten Keimen auf Ihrem Teller landen:

  • Reduzieren Sie Ihren Fleischkonsum und greifen sie öfters zu vegetarischen oder veganen Alternativen
  • Achten Sie bei Fleisch- und Wurstwaren auf Bio-Produkte und unseren Einkaufsratgeber Schweinefleisch
  • Detailergebnisse des Greenpeace-Tests und weitere Informationen im Factsheet


Unterzeichnen Sie jetzt die Petition für bessere Haltungsbedingungen und gegen den Antibiotika-Wahnsinn!

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Petitionstext

Wir haben 24 gängige Fleischwaren aus österreichischen Supermärkten auf multiresistente Keime im Labor überprüfen lassen. Das erschreckende Ergebnis: Neun von ihnen waren mit multiresistenten Keimen belastet.

Über eine Million Menschen sterben jährlich weltweit durch multiresistente Keime. Alleine in der EU sind es pro Jahr 33.000. Eine wesentliche Ursache dafür ist der massive Einsatz in der industriellen Tierhaltung. Denn unter den Haltungsbedingungen dort kann nur der Einsatz von Antibiotika garantieren, dass die Tiere nicht massiv krank werden.

Dort können wir ansetzen. Ich fordere deshalb:

  • Verbesserte Haltungsbedingungen für Tiere in der Fleischproduktion: Mindestens doppelt so viel Platz wie bisher, Beschäftigungsmaterial wie Stroh, keine Vollspaltenböden, Zugang zu Frischluft, keine betäubungslose Kastration und Abschneiden der Ringelschwänzchen.
  • Eine klare Kennzeichnung der Tierhaltung auf allen Fleischprodukten im Handel. Nur Transparenz kann Wahlfreiheit ermöglichen.
  • Klare, quantifizierbare und überprüfbare Zielsetzungen zur Reduktion des Antibiotika-Einsatzes in der Nutztierhaltung
  • Ein Ende des Einsatzes von Reserveantibiotika in der Nutztierhaltung
  • Mittelfristig eine Abkehr von der Herdenbehandlung, stattdessen Isolation und Behandlung von einzelnen kranken Tieren (bzw. Kleingruppenbehandlung bei Geflügel)
  • Ein klares politisches Bekenntnis zu einer für Mensch, Umwelt und Tier gesunden und nachhaltigen Landwirtschaft und Nutztierhaltung inklusive Unterstützung für Bäuerinnen und Bauern bei der Umstellung.


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