veröffentlicht am 12.05.2022

Haltungskennzeichnung

Ist österreichisches Schweinefleisch zu schlecht für deutsche Supermärkte?

In Deutschland erfahren Kundinnen und Kunden in Supermärkten dank einer Kennzeichnung der Haltungsform direkt am Produkt, welches Tier wie gelebt hat. Es zeigt sich, dass eine transparente Kennzeichnung wirkt. Denn das führte in Deutschland bereits zu mehr Tierwohl. Ganz anders sieht es in Österreich aus: 90 Prozent des österreichischen Schweinefleischs würden in Deutschlands Supermärkten nicht mehr verkauft werden können – auch AMA-Fleisch erfüllt nicht die deutschen Tierhaltungs-Mindestkriterien.

In Deutschland erfahren Kundinnen und Kunden in Supermärkten dank einer Kennzeichnung der Haltungsform direkt am Produkt, welches Tier wie gelebt hat.

Was ist eine Haltungskennzeichnung bei Fleisch?

Die deutsche Haltungsform-Kennzeichnung kategorisiert Fleischprodukte nach der Tier-Haltungsform, den Beschäftigungsmöglichkeiten, der Fütterung sowie nach einem Tiergesundheitsmonitoring. In Österreich existiert derzeit kein vergleichbares System. Greenpeace hat sich angesehen, wie Österreichisches Fleisch im deutschen System abschneiden würde: Bei Schweinen entsprechen die österreichischen Bio-Siegel der besten Haltungsstufe 4, die Tierwohl-Programme der Supermärkte erfüllen meist die deutsche Haltungsstufe 3. Der derzeit geltende österreichische gesetzliche Mindeststandard erfüllt bei Schweinen hingegen nicht einmal die niedrigste deutsche Haltungsstufe 1!

Trotz Änderungen und Erhöhung der Standards 2022 entspricht auch das AMA Gütesiegel bei Schweinen nicht einmal der niedrigsten deutschen Haltungsstufe 1. Zwar haben Schweine mit 110 Kilogramm mit dem AMA-Gütesiegel seit diesem Jahr erstmals Anspruch auf 0,77 m² Platz pro Tier, was wenigstens der schlechtestens Stufe 1 des deutschen Systems entsprechen würde. Allerdings bekommen Schweine von 50 bis 85 Kilogramm nur 0,55 m² pro Tier garantiert, während im Deutschen System auch diese Tiere Anspruch auf mindestens 0,75 m² pro Tier haben. Mindestens 90 Prozent der Schweine in Österreich werden nach gesetzlichem Mindeststandard oder dem AMA-Gütesiegel gehalten. Dementsprechend erfüllen mindestens 90 Prozent der österreichischen Schweinehaltung nicht einmal die schlechteste Haltungsstufe 1 in Deutschland.

Warum ist eine Haltungskennzeichnung wichtig?

Seit 2019 gibt es in Deutschland eine Haltungskennzeichnung. Durch diese neu geschaffene Transparenz kommt Bewegung in die Fleisch-Branche. Machte 2020 die schlechteste Haltungsstufe 1 bei Schwein, Rind und Huhn im Oktober 2020 noch mehr als zwei Drittel des Sortiment aus, war es im Oktober 2021 nur mehr rund ein Drittel. Mit Abstand am stärksten wuchs die Stufe 2 (mehr als Verdoppelung von 23,4 auf 55,2 Prozent), aber auch die besseren Stufen 3 und 4 sind jeweils stark gewachsen (Stufe 3 um rund 32 Prozent von 2,8 auf 3,7 Prozent; Stufe 4 um rund 40 Prozent von 4,2 auf 5,9 Prozent).

Viele große Handelsketten in Deutschland planen in den nächsten Jahren zudem auch eine Auslistung der zweiten Haltungsform bei Schweinefleisch, wie ein Supermarkt-Check von Greenpeace in Deutschland zeigt. Bei Schweinefleisch ist die Haltungsform 1 seit diesem Jahr nur noch im Supermarkt “Netto Marken Diskont” verfügbar. Die allermeisten Märkte haben sich für den Ausstieg aus Stufe 2 bereit erklärt - darunter ALDI sowie ALDI Süd, LIDL, REWE und Penny bis spätestens 2030.

Welche Auswirkungen hat die deutsche Haltungskennzeichnung auf den österreichischen Markt?

Ein Blick auf die Handelsbilanz zeigt: Im Jahr 2020 exportierte Österreich Schweinefleisch-Produkte im Wert von 123 Millionen Euro nach Deutschland. Den größten Anteil – rund 75 Prozent der exportierten Waren – macht verarbeitetes Schweinefleisch aus, also z.B. Schinken. Da das deutsche Kennzeichnungssystem seit diesem Jahr auch auf verarbeitetes Fleisch ausgedehnt wird und ein großteil der deutschen Supermärkte bei Schweinefleisch Haltungsform 1 bereits ausgelistet hat, werden mindestens 90 Prozent der österreichischen SchweinehalterInnen den deutschen LEH als möglichen Absatzmarkt verlieren.

Deutschland ist für Österreich auch ein wichtiges Importland von Schweinefleisch. Im Jahr 2020 wurde Schweinefleisch im Wert von 304 Millionen Euro aus Deutschland importiert. Dabei handelt es sich zu über 65 Prozent um frisches, unverarbeitetes Schweinefleisch sowie lebende Tiere.

Was muss in Österreich passieren, um Tierleid zu verringern?

Am 4. Mai 2022 hat die Bundesregierung eine Tierschutznovelle in Begutachtung geschickt. Diese soll noch vor dem Sommer verabschiedet werden. In dieser sind für neu gebaute Ställe ab 2023 0,80 m² für ein Schwein mit bis zu 110 Kilogramm vorgeschrieben. Das gilt allerdings nicht für die bereits bestehenden Ställe, die derzeit rund 5 Millionen Schweine pro Jahr “produzieren”. Die Umstellung auf die 0,80 m² pro ausgewachsenem Schwein wird daher sehr lange – vermutlich Jahrzehnte – dauern, da diese Regelung immer erst mit Neu- oder Umbauten greift. Auch die betäubungslose Kastration der Ferkel bleibt in Österreich trotz Tierschutznovelle erlaubt. Auch mit der Tierschutznovelle werden daher in den nächsten Jahren die allermeisten Schweine in Österreich unter Bedingungen leben, die schlechter sind als jene in Deutschland.

Greenpeace fordert jetzt von Tierschutzminister Johannes Rauch und Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig bessere Mindeststandards in der Tierhaltung und auch für Österreich eine klare Kennzeichnung der Haltungsbedingungen direkt am Produkt.


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Petitionstext

90 Prozent des österreichischen Schweinefleischs würden in Deutschlands Supermärkten nicht mehr verkauft werden können – auch AMA-Fleisch erfüllt nicht die deutschen Tierhaltungs-Mindestkriterien.​

Über eine Million Menschen sterben jährlich weltweit durch multiresistente Keime. Alleine in der EU sind es pro Jahr 33.000. Eine wesentliche Ursache dafür ist der massive Einsatz in der industriellen Tierhaltung. Denn unter den Haltungsbedingungen dort kann nur der Einsatz von Antibiotika garantieren, dass die Tiere nicht massiv krank werden.

Dort können wir ansetzen. Ich fordere deshalb:

  • Verbesserte Haltungsbedingungen für Tiere in der Fleischproduktion: Mindestens doppelt so viel Platz wie bisher, Beschäftigungsmaterial wie Stroh, keine Vollspaltenböden, Zugang zu Frischluft, keine betäubungslose Kastration und Abschneiden der Ringelschwänzchen.
  • Eine klare Kennzeichnung der Tierhaltung auf allen Fleischprodukten im Handel. Nur Transparenz kann Wahlfreiheit ermöglichen.
  • Klare, quantifizierbare und überprüfbare Zielsetzungen zur Reduktion des Antibiotika-Einsatzes in der Nutztierhaltung
  • Ein Ende des Einsatzes von Reserveantibiotika in der Nutztierhaltung
  • Mittelfristig eine Abkehr von der Herdenbehandlung, stattdessen Isolation und Behandlung von einzelnen kranken Tieren (bzw. Kleingruppenbehandlung bei Geflügel)
  • Ein klares politisches Bekenntnis zu einer für Mensch, Umwelt und Tier gesunden und nachhaltigen Landwirtschaft und Nutztierhaltung inklusive Unterstützung für Bäuerinnen und Bauern bei der Umstellung.


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